FORUM OST & WEST
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Ausgewählte Beiträge aus dem Studio Wuppertal
Gesendet am 16.09.2002 in der Sendung "Resonanzen" auf WDR3
Forum Ost-West im Rheinisch-Bergischen Kreis
Ein Bericht von Christian Sabisch:

Zwei Jungen stehen sich an der deutsch-polnischen Grenze gegenüber. Fragt der eine den anderen. "Do you speak English?" Gestörte Kommunikation. Damit setzen sich viele der Zeichner auseinander. Andere sehen Polen im Würgegriff der Germania und fast alle spielen mit den gängigen Vorurteilen, etwa über gestohlene Autos, frei nach dem Motto. "Ich war noch nie in Polen, aber mein Auto ist schon längst da." Richtig böse auch die Zeichnung von Barbara Henninger. Unter ihren Ausspruch: "Noch ist Polen nicht verloren" hat sie ein feixendes Ehepaar gesetzt, dass mit einer Katasterkarte bewaffnet in brauner Kluft zur Rückeroberung ansetzt. Auch dies ist in Polen ein weit verbreitetes Vorurteil: Die Angst vor der Rückkehr der Deutschen. Von dem polnischen Karikaturisten Lex Drewinsky stammt eine Grafik mit einem einzigen Wort in weißen Buchstaben auf schwarzem Grund. Nostalgie ist da zu lesen, wobei das "s" als Hakenkreuz und das "g" als Hammer und Sichel dargestellt sind. Der deutsche Zeichner Walter Hanel, bekannt aus dem Simplizissimus, dem Rheinischen Merkur oder der FAZ, ist auch in der Ausstellung vertreten und weiß, dass Karikaturen nicht aus dem Land des Lächelns stammen, sondern aus Makabrien. Er gibt sich gelassen pessimistisch:
O-Ton: " Ich glaube, es sind doch immer die gleichen Themen im deutsch-polnischen Verhältnis und man frischt sie halt immer wieder auf. Ich glaube, dass man immer wieder die gleichen Themen aufwärmt. Man sieht sich als Karikaturist immer wieder mit anderen Köpfen, anderen Gesichtern. Im Augenblick ist es natürlich die Annäherung an Europa, es ist der EU-Beitritt und wenn ich ehrlich bin, habe ich heute das, was im Augenblick aktuell ist, vor drei, vier Jahren auch schon gezeichnet."
Die Ausstellung im Kreishaus in Bergisch Gladbach wie alle 28 Veranstaltungen wird nicht mit Hochglanzdokumentationen zelebriert, sondern eher zum Anlass genommen, zu reflektieren, zu diskutieren und eine Annäherung auf bescheidene Art voranzutreiben. Der Festredner zum Auftakt war der polnische Publizist und Journalist Adam Krzeminski. Er, wie viele andere Redner, betonte die wichtige Rolle des direkten Gesprächs. Eine wichtige Rolle spielen dabei Spätaussiedler, meint Adam Krzeminski:
O-Ton: " Weil die Spätaussiedler eine ziemlich große Gruppe der Vermittler geworden sind. Sie sprechen beide Sprachen, sie sind in beiden Kulturen fest verankert und zumindest in der Grenzregion können sie sehr gut als Vermittler fungieren, dort wo die Polen deutsch nicht verstehen oder nicht lernen. Die deutsche Sprache ist inzwischen die zweite Fremdsprache in Polen."
Nach Englisch, wie wir wissen. Adam Krzeminski wehrt sich auch gegen das Vorurteil, polnisch mit seinen sieben Fällen sei ganz besonders schwer zu lernen. Deutsch habe für Polen recht komplizierte Zeiten, aber wenn man wirklich wolle, dann könne jeder die Sprache des Nachbarn lernen. Adam Krzeminski ist seit über 30 Jahren Redakteur der Tageszeitung Politika, schreibt aber auch regelmäßig für "Die Zeit" oder die "Süddeutsche Zeitung", ist also ein intimer Kenner der Deutschen und der Polen, und ein wortgewaltiger Kritiker beider Seiten:
O-Ton: "Es gibt eine deutsche Arroganz gegenüber diesem minderwertigen Volk der Diebe und der polnischen Wirtschaft. Und es gibt eine moralische Arroganz der Polen, die glauben die größten Opfer der Geschichte zu sein und mit dieser Moralkeule, ich zitiere einen deutschen Schriftsteller, gegenüber jedem Deutschen auftreten zu dürfen."
Zehn Jahre Forum Ost West also vergebens? Nicht ganz, denn inzwischen sind viele private Bande zwischen Bürgern aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis und Polen geknüpft. Susanne Bonenkamp, die Kulturreferentin der Kreisverwaltung, ist die Initiatorin des Forums und sein hartnäckigster wie wohl fleißigster Vertreter. Sie organisiert alle zwei Jahre diese Foren und besteht darauf, dass fast alle Gäste privat von den Bürgern aufgenommen werden.
O-Ton: "Das war von Anfang an eine Maxime von mir, weil ich auch persönlich als Teenager auf dieser Schiene sehr viele, äußerst positive Erfahrungen gemacht habe und immer sage, die wirklich zentralen Gespräche und Diskussionen finden abends in der Küche statt, nicht während der Veranstaltungen. Und es ist eben ganz wichtig, ob man Personenkonstellationen findet, die das miteinander nicht nur können, sondern auch wollen. Man muss sich einfach einbringen, sich Zeit nehmen und sich darauf einlassen, auch wirklich dann, wenn so eine Einladung ausgesprochen ist, dann auch den Mut haben, sie anzunehmen und verflixt noch mal dort hin zu fahren."
Polen taucht im Programm des Rheinisch-Bergischen Kreises nicht nur zum Forum auf, sondern ist fester Bestand des allgemeinen Kulturprogramms. Insofern ist das VI. Forum auch Anlass für ein zehnjähriges Jubiläum. Ein roter Faden im diesjährigen Forum ist das Werk von Frédéric Chopin, das in Musikseminaren oder dem Klavierwettbewerb im Vordergrund steht. Natürlich: Polen und Musik gleich Chopin. Das Klischee ist bewusst gewählt, um die eingängigen Melodien mit Gassenhauer-Popularität vielleicht genauer zu hören, etwa mit einem Kompositionswettbewerb. Daneben stehen Hausmusiken, Lesungen, Konzerte und etliche Kunstausstellungen mit Installationen, Malerei oder Fotos auf dem Programm. Beim "Blick über den Tellerrand" am kommenden Donnerstag geht es ganz praktisch um polnische Küche und polnisches Alltagsleben. Inklusive gemeinsamem Essen. Für eine künstlerische Landschaftsgestaltung ist Pawel Chaweinski angereist. Seine "Skyline" wird a m kommenden Samstag in einem ehemaligen Steinbruch eröffnet.
O-Ton: "Es geht um die Elemente, das Wetter, den Himmel, das Licht. Ich werde Spiegel und Holz und ein paar einfache Gegenstände einbringen. Es wird also ein sehr minimalistisches Kunstwerk, das sich auf die gesamte Situation des Steinbruchs, der wie ein Amphitheater gebildet ist, beziehen. Es geht darum, bestimmte Akzente zu setzten, Licht auf die Umgebung zu werfen und um das reflektierte Licht des Himmels. Ein Kunstwerk für eine einzige Perspektive für einen Menschen. Darum wird ein Stuhl auf den Betrachter warten, der dort sitzen will und diesen Standpunkt überdenken möchte."
Ob das Kunstwerk anschließend der Verwitterung preisgegeben wird wie bei seiner ersten Installation 1996 bei Odenthal, weiß Pawel Chaweinski erst, wenn die Installation fertig ist. Für den Landschaftskünstler ist es das größte Kompliment, wenn Betrachter behaupten sie sähen gar nicht, dass der Krakauer in die Landschaft eingegriffen und etwas verändert habe. Die Auseinandersetzung mit aktueller Kunst aus Polen ist traditionell ein Schwerpunkt der Ost-West-Foren. In diesem Jahr, erläutert Susanne Bonenkamp, steht aber auch die Reflexion der vergangenen zehn Jahre im Mittelpunkt.
O-Ton: "Wir haben uns verändert, die Situation zu Polen hat sich verändert, der Blickwinkel hat sich verändert, Polen hat sich in diesen Jahren unglaublich verändert. Wenn ich an meinen ersten Besuch in Krakau im Sommer 1991 denke, wo es also wirklich noch diese Nachwendezeit war, eine Stadt, die noch von dem Sozialismus und dem elenden Grau und einer gewissen Form von Phlegma getragen war und wenn Sie jetzt dort hinkommen, es ist mediterran, lebendig, farbig, freundlich, willkommen heißend, das sind einfach Prozesse, die einfach ganz wichtig sind wahrzunehmen."
Nähere Informationen unter www.forum-ostwest.de




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